Carl Lutz Zwischen Zivilcourage und Gesetzesübertretung (1895 - 1975)

«Wenn so viele Länder die Gesetze brechen, um zu töten, dann mag es wohl einen geben, der sie bricht, um Leben zu retten».

Prägende Momente der Geschichte des 20. Jahrhunderts hat der in Walzenhausen geborene Appenzeller Carl Lutz hautnah miterlebt. Massgeblich selbst mitbestimmt hat er die schicksalshaften Geschehnisse in Ungarn während des 2. Weltkriegs.

Überblick

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Französisch

Le diplomate suisse Carl Lutz a joué un rôle décisif lors des événements tragiques qui ont secoué la Hongrie pendant la Seconde Guerre mondiale. En tant que vice-consul, il a dirigé le département chargé des activités de puissance protectrice de la légation suisse à Budapest de 1942 à 1945. Lorsque la Wehrmacht a occupé Budapest en 1944, la persécution des Juifs a pris une tournure dramatique. Manœuvrant habilement, Lutz est parvenu à sauver plus de 60 000 personnes d’une mort certaine. Ce faisant, il a également mis sa propre vie en danger.

Italienisch

Carl Lutz est considéré aujourd’hui comme le maître d’œuvre de l’une des plus grandes opérations de sauvetage humanitaire du XXe siècle. Durante la seconda guerra mondiale, il diplomatico svizzero Carl Lutz contribuì in maniera determinante a sottrarre molti ungheresi al loro fatale destino. In qualità di viceconsole, Carl Lutz diresse la cosiddetta sezione degli interessi stranieri della legazione svizzera a Budapest dal 1942 al 1945. Quando nel 1944 le forze armate tedesche occuparono Budapest, anche gli ebrei ungheresi si videro di fronte a un nefasto destino. Lutz cercò una soluzione per sottrarre queste persone a una morte certa e, con un’abile mossa, riuscì a salvare oltre 60 000 vite, mettendo a repentaglio anche la sua. Oggi, l’impegno di Lutz è considerato una delle più grandi operazioni di salvataggio umanitario del XX secolo.

Als Vizekonsul leitet Carl Lutz von 1942 bis 1945 in Budapest die sogenannte Schutzmachtabteilung der Schweizer Gesandtschaft. Er vertritt die Interessen derjenigen Länder, die sich mit Ungarn im Kriegszustand befinden und deshalb keine eigene Botschaft mehr im Land unterhalten, u.a. Grossbritannien und die USA. Mit grosser Skepsis beobachtet er die zunehmende Machtübernahme der Nationalsozialisten. Die Ausreise für Jüdinnen und Juden ist bald nur noch dank den streng limitierten Palästina-Zertifikaten möglich. Diese Reisepässe, von Grossbritannien ausgestellt, erlauben ausdrücklich die Reise von Ungarn nach Palästina. Rund 7'000 solcher Zertifikate liegen bei Lutz in der Schweizer Gesandtschaft.

Im Jahr 1944 besetzt die deutsche Wehrmacht Budapest und die kompromisslose Verfolgung der jüdischen Bevölkerung nimmt ihren unheilvollen Lauf. Damit einher geht ein generelles Ausreiseverbot für Juden. Gemäss den Nürnberger Rassengesetzen sollten sie systematisch zusammengetrieben und in Konzentrationslager abtransportiert werden. Lutz zerbricht sich den Kopf, wie er diese Menschen vor dem sicheren Tod bewahren kann. Er spricht bei der Naziführung vor und fordert die Einhaltung der 7'000 Palästina-Zertifikate – mit Erfolg. Durch einen geschickten Schachzug gelingt es ihm, die Zahl um ein Vielfaches zu erhöhen. Wohlwissend, dass die Nazis bei Juden nicht von Personen, sondern von Einheiten sprechen, interpretiert er die Grösse «Einheit» um: Bei ihm wird aus einer Einheit eine ganze «Familie». Lutz will mehr tun. In Eigenregie stellt er sogenannte «Schweizer Schutzbriefe» aus. Auf offiziellem Papier der Schweizer Botschaft gedruckt, verbrieft das Dokument dem Träger den offiziellen Schutz der Schweiz. Eine reine Erfindung von Lutz, die Behörden in Bern wissen davon nichts. Dieses Dokument rettet in der Folge Tausende von Menschen vor Verfolgung, Gewalt oder Abtransport in Vernichtungslager. Über 60'000 Menschen rettet Lutz so das Leben.

Nach der Kapitulation des deutschen Reiches kehrt Lutz in die Schweiz zurück – er sieht jedoch seine Mission noch lange nicht abgeschlossen. Er verfasst ausführliche Berichte über seine Tätigkeiten. Am Herzen liegt ihm die Aufklärung der Geschehnisse für kommende Generationen. Umso enttäuschter ist er, dass die offizielle Schweiz seine Berichte nicht beachtet. Er stirbt im Alter von 79 Jahren. Eine offizielle Würdigung seiner humanitären Taten erhält er erst zwanzig Jahre nach seinem Tod. Heute gilt das Engagement von Lutz als eine der grossen humanitären Rettungsaktionen des 20. Jahrhunderts.

  • Carl Lutz wird im appenzellischen Walzenhausen geboren. Er wächst in religiösem Milieu auf, seine Eltern sind überzeugte Methodisten.
    1895
  • Carl Lutz wandert in die USA aus und arbeitet in der Schweizer Gesandtschaft in Washington, später in den Konsulaten Philadelphia und St. Louis.
    1920
  • Carl Lutz heiratet Gertrud Fankhauser. Die Ehe bleibt kinderlos. Es folgen Einsätze in Palästina und Tel Aviv.
    1935
  • Carl Lutz wird Leiter der «Abteilung für Fremde Interessen» der Schweizer Gesandtschaft in Budapest. Er vertritt die Interessen Grossbritanniens, der USA und 10 weiterer Staaten.
    1942
  • Mit eigenmächtig ausgestellten Schweizer Schutzbriefen rettet Carl Lutz mehrere Zehntausend ungarische Jüdinnen und Juden vor dem Abtransport in die Vernichtungslager.
    1943
  • Carl Lutz kehrt in die Schweiz zurück. Es folgen Auszeichnungen für seine humanitären Taten aus dem Ausland, die offizielle Schweiz rügt ihn wegen Kompetenzüberschreitung.
    1945
  • Carl Lutz ist bis zu seiner Pensionierung Diplomat in Bregenz. Zunimmend verbittert über die Nichtanerkennung seiner Leistungen in der Schweiz stirbt er am 13. Februar.
    1975

Wirkungsorte

Das humanitäre Werk von Carl Lutz führte ihn um die halbe Welt. Klicken Sie auf die einzelnen blauen «Stecknadeln» und erfahren Sie mehr zu seinem Leben und Wirken.

Carl Lutz erzählt

Das folgende Interview wurde im Jahr 1971 vom Schweizer Radio und Fernsehen aufgezeichnet. Darin erzählt Carl Lutz in eigenen Worten seine zentralen Aktionen zur Rettung der jüdischen Bevölkerung in Budapest vor den Nationalsozialisten.

Hinweise zum Verständnis:

  • Im Video spricht Lutz über den Obersturmbandführer Eichmann. Adolf Eichmann war im Namen des deutschen Reichs beauftragt, die jüdische Bevölkerung Ungarns zu sammeln und in Vernichtungslager abzutransportieren.
  • Im Video spricht Lutz die Begründung Hitlers an, ihm die Zertifikate zu genehmigen. Der Grund sei, dass Lutz die deutschen Interessen in Palästina so gut vertreten habe. Diese Aussage bezieht sich auf einen früheren Einsatz von Carl Lutz als Diplomat, in dem er im Auftrag der Schweiz in Palästina die Vertretung versch. Länder, u.a. Deutschland übernommen und sich einen guten Ruf bei deutschen Diplomaten erarbeitet hatte. Dieser Ruf kam ihm nun für seine Rettungsaktion in Budapest zu Gute.

(Quelle: © 2020 Schweizer Radio und Fernsehen, lizenziert durch Telepool GmbH Zürich)

Seine Fotografien

Schon seit früher Jugend war Carl Lutz ein passionierter Fotograf und Filmemacher. Sein Leben und seine Arbeit hat er pointiert auf Bild festgehalten. Beim Betrachten der überlieferten Aufnahmen fallen die ästhetisch-technischen Aspekte seiner Arbeit auf. Der Filmemacher Daniel von Aarburg fasst sie in diesem kurzen Videobeitrag zusammen:

Die Galerie präsentiert einen Querschnitt durch die vielfältigen Fotografien von Carl Lutz. Es sind Bilder zu seiner Familie und zum Leben in Budapest vor und nach dem Krieg sowie Aufnahmen der Wahrzeichen der ungarischen Hauptstadt. Vor allem aber dokumentieren sie das Arbeiten Lutz' in Budapest während des 2. Weltkriegs.

(Quelle: Archiv für Zeitgeschichte, ETH Zürich, NL Carl Lutz)

Budapest vor dem Krieg.
Lutz mit seiner ersten Frau Gertrud.
Carl Lutz und sein Team in Budapest.
Carl Lutz in grossen Salon der jugoslawischen Gesandtschaft
Carl Lutz in seinem Arbeitszimmer in der Amerikanischen Gesandtschaft
Budapest nach dem Krieg.
Budapest nach dem Krieg.
Carl Lutz in der zerstörten Britischen Residenz
Carl Lutz betrachtet das zerstörte Budapest.
Carl Lutz in der zerstörten Britischen Residenz

Seine Filme

Neben seinen Fotografien hat Carl Lutz auch sehr früh bereits mit Filmen angefangen. Seine Aufnahmen - noch ohne Ton - dokumentieren das Familienleben und das Leben in Budapest inklusive Rückreise per Schiff in die Schweiz nach Ende des 2. Weltkriegs. Die untenstehenden beiden Filme geben einen kleinen Einblick in die Art und Motivik der Filme von Lutz.

(Quelle: Archiv für Zeitgeschichte, ETH Zürich, NL Carl Lutz)

Carl Lutz und seine Familie

Carl Lutz in Budapest

Offizielle Anerkennung seiner Taten

Die offizielle Anerkennung von Lutz' Einsatz in Budapest während des 2. Weltkriegs durch die Schweiz erfolgte erst in den 1990er-Jahren. Alt-Bundesrat Flavio Cotti würdigte in einer Rede die Tatkraft und Humanität von Lutz. Es ist die Anerkennung, auf die Lutz sein ganzes restliches Leben gewartet hat, wofür er gekämpft hat... und die er nicht mehr persönlich erleben durfte.

(Quelle: © 2020 Schweizer Radio und Fernsehen, lizenziert durch Telepool GmbH Zürich)

Stimmen und Perspektiven

Im folgenden Videobeitrag äussern sich Angehörige, Wissenschaftler und Filmschaffende zum Leben und Wirken von Carl Lutz. Die Interviews wurden als Teil eines Projektes aufgenommen und können in voller Länge beim Verein «Appenzeller Friedens-Stationen» eingesehen werden.

Carl-Lutz Gesellschaft

Unter Carl Lutz' Stieftochter Agnes Hirschi wurde im Jahre 2018 in Bern eine Carl-Lutz-Gesellschaft gegründet. Ziel des Vereins ist die Förderung von Zivilcourage im täglichen Leben. Die «Carl-Lutz Gesellschaft» initiert, unterstützt und fördert Initiativen im Themenbereich der Zivilcourage. Die Initiativen sollen heute und in Zukunft Menschen und insbesondere Jugendliche dazu anregen, dem Vorbild von Carl Lutz nachzuleben.

Mehr Informationen zur Carl-Lutz Gesellschaft finden Sie hier.

Leseempfehlungen

In den folgenden Publikationen finden Sie weitere Informationen zu Carl Lutz:

  • Amann, Hans, Appenzeller im Dienste der Menschlichkeit, 1996.
    Kompakte, gut lesbare Einführung zu Carl Lutz. Als Einstieg sehr empfohlen.
  • Eisenhut, Heidi, Im Leben etwas Grosses vollbringen: Carl Lutz rettete mehrere Zehntausend ungarische Jüdinnen und Juden. In: Appenzellische Jahrbücher. - H. 140 (2013), S. 44-65.
    Die Historikerin Heidi Eisenhut gibt in diesem Artikel eine aktuelle, sorgfältig recherchierte Analyse zum Werk von Carl Lutz.
  • Tschuy, Theo, Carl Lutz und die Juden von Budapest, 1995.
    Das Standardwerk zu Carl Lutz. Umfangreich und informativ.
  • Vamos, György, Carl Lutz, 2012.
    Kleine Einführung in das Leben und Werk von Carl Lutz.
  • Radio-Interview mit Holocaust-Überlebender Agnes Hirschi: «Ich hatte einen Schutzengel» (Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 22.01.2023, 17:30 Uhr; ab Minute 5:16)
  • Auf der Seite der «Carl-Lutz Gesellschaft» finden Sie weitere Informationen.
  • «Spuren eines vergessenen Helden»; Appenzeller Zeitung, 24. Janur 2023
  • «Gredig direkt» mit Agnes Hirschi, Holocaust-Überlebende, über Krieg, Verfolgung und den Kampf gegen das Vergessen; Ausstrahlung am Donnerstag, 16. November 2023, 22.25 Uhr, SRF 1

Impressionen

Zu Ehren von Carl Lutz wurde in Yad Vashem, Jerusalem ein Baum in der Allee der Gerechten gepflanzt.
Nach seiner Rückkehr in die Schweiz verfasste Carl Lutz vollständige Berichte über seine Taten. Am Herzen lag ihm vor allem die Aufklärung der Geschehnisse für kommende Generationen.
Der Diplomatenpass von Carl Lutz.
Im sog. Glashaus, einer ehemalige Glaserei, richtete Carl Lutz eine Unterkunft und Betreuungstätte für Verfolgte ein.
Carl Lutz und sein Team in Budapest.
Kopie des Personalblattes von Carl Lutz beim Eidgenössisch Politisches Departement - Abteilung für Auswärtiges (EDP)
Die Polizeiabteilung warf Carl Lutz Fälschung von amtlichen Dokumenten in Budapest vor. Eine Rüge, die Carl Lutz zeitlebens beschäftigte.
Ein frühes Porträt von Carl Lutz.
Mit diesem Dokument wurden Bewohnerinnen und Bewohner eines Hauses vor Verfolgung geschützt.
Ein Schweizer Schutzbrief, von Lutz auf offiziellem Papier der Schweizer Botschaft gedruckt. Die Vorlagen des Briefpapiers wurden durch eine Druckerei erstellt und mit Schreibmaschine wurden Text und Name eingefügt.
Das Bürogebäude der Britischen Residenz. Hier lebte Carl Lutz, mit ihm seine Frau Gertrud Lutz-Fankhauser und eine Gruppe weiterer Menschen, die allesamt die Bombardierungen überlebten.
Schweizer Diplomaten war die Annahme von Ehrungen aus dem Ausland untersagt. Aus diesem Grund durfte Carl Lutz die «Liberty Medal» der Vereinigten Staaten von Amerika für seine Taten in Budapest nicht annehmen.