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Paul Vogt

(1900 – 1984)

Flüchtlingspfarrer

„Lasst nie in Elend und in Pein, ein Menschenherz lieblos allein. Niemals am Leid vorübersehn! Nie müssig stehn! Zum Dienste gehn!"

Paul Vogt verstand sein evangelisch-reformiertes Pfarramt als Dienst. Seine zweite Pfarrstelle fand er 1929 in der Appenzeller Gemeinde Walzenhausen. Soziale Unruhen durch die Textilkrise belasteten die Gesellschaft schwer. Für ihn stand fest: Die sozialen Probleme entsprangen der hohen Arbeitslosigkeit, dem Alkoholmissbrauch und dem mangelnden Gottvertrauen. Er kaufte 1933 ein leerstehendes „Sticker-Hämetli“ über dem Dorf und funktionierte es zum Evangelischen Sozialheim Sonneblick um, das bis heute noch besteht. In seinen Räumlichkeiten wurden verschiedene Arbeits- und Bildungsprogramme angeboten und das religiöse Zusammensein gefördert. Ermöglicht wurde dieses Projekt durch Vogts wachsendes Netzwerk aus Gönnern und Gleichgesinnten. Er war auch genau im Bild über die Verhältnisse in Deutschland nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Zu ihm gelangten die Auschwitz-Akten. Er rüttelte damit die Schweiz wach. Er schrieb Briefe, verfasste Gedichte, hielt Vorträge platzierte unzählige Artikel in der Evangelischen Monatszeitung „Das Abendrot“.

Die Gräueltaten im 2. Weltkrieg führten ihn in eine Lebenskrise und prüften seinen Glauben an die Menschheit. Doch sein Tatendrang wurde gestärkt. Sein Sozialheim Sonneblick machte er zum Flüchtlingsheim. Bei vielen weiteren sozialen Initiativen war er federführend: er organisierte Reisepässe für die Verfolgten, buchte ihnen Ausreisen in sichere Länder und kümmerte sich um die seelsorgerischen und wirtschaftlichen Anliegen der Flüchtlinge. Walzenhausen und weitere seiner Flüchtlingshäuser werden zu sicheren Häfen für christliche und jüdische Mitmenschen. Vogts humanitäre Mission, die in seinem tiefen Glauben an Jesus Christus wurzelte, bestimmte sein Leben. Sein Umfeld wurde auf seine Ideale verpflichtet. Unbeirrt sensibilisierte er weite Kreise der Schweizer Bevölkerung für die Flüchtlingsnot und motiviere sie zum aktiven Handeln. Für ihn wurde 1943 ein schweizerisches Flüchtlingspfarramt mit Sitz in Zürich geschaffen. Zwei seiner Initiativen sind in die Geschichte eingegangen. Zum einen rief er die „Freiplatzaktion“ ins Leben und startete damit den Aufruf an Familien, Flüchtlinge bei sich zu Hause aufzunehmen. Zum anderen sammelte er bedeutende Summen durch den „Flüchtlingsbatzen“, dessen Ertrag für den Aufenthalt der Flüchtlinge bestimmt war. Nach Ende des 2. Weltkrieges blieb Vogt sozial engagiert und öffnete zum Beispiel 1956 die Türen des Sonneblicks für die Flüchtlinge des Ungarnaufstands. Bis zu seiner Pensionierung war er wieder Gemeindepfarrer in Grabs und Degersheim. Vogt starb 1984 im Alter von 84 Jahren in Zizers. Flüchtlingspfarrer Paul Vogt, seit 1947 Dr. h.c. der Universität Zürich, wurde von seinen Zeitgenossen widersprüchlich beurteilt: Den einen galt er als innovativer Sozialpionier und begnadeter Dichter und Schriftsteller, den anderen als schwärmerischer Fantast und autoritärer Patriarch. Eines steht allerdings fest: Durch sein soziales Engagement, seinen unbeirrbaren Tatendrang und seine vielfältigen Initiativen hat Paul Vogt der Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts seinen Stempel aufgedrückt.

 

 

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